hennigsen

Inventur zum Jahresende

Jahreswechselstimmung. Stimmt ja. Das Jahr verneigt sich nicht, jedenfalls nicht vor mir. Es duckt sich weg, macht sich vom Feld, schüttelt alles Alte ab und kleidet sich neu ein. Ich möchte mich schnell nochmal von ihm auf die Schultern heben lassen und ein wenig ins Voraus sondieren, bevor dieses Jahr sich selbst nicht mehr schultern kann und klanglos vergeht. Was mir verbleibt, ist ein Gefühl des Zeitraffers, vielleicht auch des Dahingerafften. Ich habe es abgeschritten, das Jahr, habe es durchmessen und irgendwie auch abgeleistet - und doch nichts bewegt. Habe gearbeitet, ja doch, und nicht wenig, nein wirklich nicht, und habe trotz allem nur wenig Wind gemacht, dort in meiner Ecke, in meinem toten Winkel, in den keiner so recht schauen mag. Ich würde gerne mal das Fenster aufmachen, meine Seele stoßlüften, und Bürostandardarbeitsluft gegen einen lustvollen Atemzug Lebensluft eintauschen. Auch wenn sie in der Lunge schneidet. Oder es einen aus den Strümpfen weht, oder wie einen Gänsekiel rupft, oder gegen den Strich scheitelt mit trotziger energetischer Kraft.

Wo will ich hin – was will ich sein? Die bekannten Dämonen meiner Selbstbeschäftigungsphasen. Da flattern und schwirren sie wieder umher. Sie vergehen nicht, sie hingen da nur herum, am Bewusstseinsoberdeck, wie Fledermäuse im Zeitenwind. Verspüren jetzt Gewitterluft, und jagen wieder Gespinste wie in alten Tagen. Aber die Frage lässt sich konkreter fassen: Was will ich beruflich leisten? Um mich herum verändern sich die Themenbiotope, durch wiederholte Reoganisation bis zur Unkenntlichkeit ausgefranst. Die Lebewesen, die sie einst bevölkerten, ziehen fort, zu Orten, in denen sie bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. So schwappen die Gezeiten des Marktwandels bis an den eigenen Schreibtisch heran. Und führen als gedankliche Flaschenpost einen stillen Gruß aus Übersee mit sich, einen Bilderbogen der Alternativen, einen Kaleidoskop von Varianten. Sich verändern – ja, daran halte ich fest, denn verändern heißt auch leben. Seine eigenen Potenziale ausschöpfen. Die eigenen Fixpunkte verschieben. Sich nicht mehr eingeengt fühlen durch die einmal erreichte Sicherheitszone. Nicht mehr nur Schachfigur sein im eigenen Betrieb, die durch andere gezogen wird, die wesentlich grüner um die Ohren sind als man selbst. Die ihr eigenes Machtgefüge über die Gewissenhaftigkeit stellen.

Doch genug gejammert. Das Jahr hatte auch Gutes in seinem Säcklein. Trotz unsteter beruflicher Gedanken hat mir meine Familie großen Halt und Rückenstärkung gegeben. Seine eigene Kinder aufwachsen, sie mit Neugier, Fröhlichkeit und Unerschrockenheit die Welt umfassen zu sehen, ist ein großartiges Erlebnis. Und ich hatte sicherlich ein wenig mehr Zeit dafür als möglicherweise andere Väter, die voll berufstätig sind. Dies stellt für mich ein Luxus dar, der weit außerhalb des materiellen Erlebens steht - und der mich – jupphei! - auch nächstes Jahr noch ein gutes Stück mit begleitet.

20.12.07 23:05

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Anne / Website (28.12.07 15:20)
Fröhliches Jahreswechseln!


Brayn (31.12.07 16:07)
Interessante Gedanken zum Ende des Jahres... ein bisschen wenig Melancholie, findest Du nicht? Wünsche Dir trotzdem einen guten und richtungsweisenden Start ins neue Jahr! Bis dann!

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