hennigsen

Gott hat dich lieb

Viel geht mir derzeit im Kopf umher. Warum trägt Herr Pofalla trotz hoher Diäten ein Kassengestell? Wenn in Unternehmen heutzutage immer weniger Titel verliehen werden, ergibt sich dadurch volkswirtschaftlich gesehen ein Gesamtautoritätsverlust? Gibt es Monte-Carlo-Simulationen für Lebensverläufe? Und wenn ja, wie sähe dann mein 5%-Verlustquantil aus? Warum wollen mir einfach keine Koteletten wachsen? Es hilft nichts, ich brauche Orientierung. Ich habe daher beschlossen, mich in geistige Obhut zu begeben.

Das Holz des Beichtstuhls unter mir in der örtlichen Kathedrale knarrt beharrlich. Dämmerung und Wurmstich umfangen mich, während mein Leben wie von einer langen Kamerafahrt eingefangen vor meinem geistigen Auge abläuft. Da zoome ich nochmal auf meine erste Mathe 5. Oder als ich zwei Knöpfe aus des Vaters bester Cordcouch herausgerissen habe und das mit dem Sofakissen vertuschen wollte. Auch meine Kinderzimmertür habe ich dereinst einmal in unbedachter Rage eingetreten. Und in der Sauna im Keller unserer Wohnanlage heimlich geraucht... In 40 Jahren kommt erfahrungsgemäß ein gutes Päckchen an Sünden zusammen. Dazu noch fremde Götter anbeten, des Nachbarn Weib begehren, Gerüchte streuen, in Teilzeit gehen. Das lastet auf den Schultern, da hilft auch keine Massage oder Grüner Tee, da muss die gute alte Beichte her.

Der Geruch halbaufgelutschter Minzepastillen dringt durch die Gitterstäbe. Auf der anderen Seite der Kabine deutet sich eine Silhouette an. "Nun?" ertönt es sanft, fast 10 Minuten schon währt die Stille. Ohne Folien fühle ich mich unvorbereitet, fast nackt. Auf einmal erscheint mir die Angewohnheit, Sitzungen mit einer kurzen Vorstellungsrunde einzuleiten, gar als als sinnvolle Erfindung denn als lästiges Übel. "Was führt Dich hierher, mein Sohn?"

"Muss ich eigentlich gegen mich aussagen?" frage ich vorsichtig. "Wir sind hier nicht bei Jürgen Fliege" sagt der Geistliche. "Nun, Vater", beginne ich vorsichtig, "eigentlich bin ich zu Ihnen gekommen, weil ich momentan nicht weiß, welches Verhalten meinerseits Gott erfreuen könnte." Himmel, denke ich insgeheim. Was mache ich nur hier? Eine Art göttliches Zielvereinbarungsgespräch führen? Und wenn ich meinen Zielerreichungsgrad übererfülle, erhalte ich im nächsten Jahr als Ausgleich für meine Kurzsichtigkeit ein paar Dioptrien weniger?

"Auch wenn dein Weg vorgegeben ist, finden musst du ihn allein" versetzt mein Gegenüber. Ich vernehme ein leises Knacken, damit ist der Drops gelutscht. "Wenn du reden möchtest, dann rede jetzt, sonst denke nach und komme später wieder" beendet die Stimme von nebenan nun offenbar unsere Unterhaltung. "Gott behüte dich, mein Sohn".

"Dann komme ich an einem anderen Tag wieder", rufe ich ihm aufmunternd zu. "Ich schreibe einfach alles auf und lese es Ihnen dann vor, okay? Freies Sprechen ist einfach nicht mein Ding!" setze ich noch nach und mache mich auf, um mir ein Lehrbuch über stochastische Zufallsvariablen zu kaufen.

9.5.07 00:36

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Anne / Website (15.5.07 16:56)
schön dich zu lesen ...


Hennigsen (15.5.07 22:26)


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