hennigsen

Reifeprozess

Wir werden alle gelassener, das zunehmende Alter tut das Seine dazu. Doch ich kann an meinem Sohn die Gelassenheit reifen sehen. - Nunmehr 5 und ein halbes Jahr alt, war er noch vor einem halben Jahr in manchen Situationen ein Querkopf, der alles seinem Willen Entgegenstehende auf die Hörner nahm. Ich wusste manches Mal nicht, was ihn innerlich so aufrührte. Meist waren es Kleinigkeiten nur, zumindest in unseren Augen. Ein zu rasches Aufbrechen am Morgen vielleicht, wenn der Sprössling noch im Spiele vertieft war. Ein Hochtragen aus dem Treppenhaus, wenn sich die Müdigkeit des Kindes zu deutlich Luft verschaffte. Ein Appell an alltägliche Pflichten, wie das Händewaschen. Dann überkam es ihn einfach – die Auflehnung gegen alle elterlichen Grenzen, als ob diese irgendeinen geheimen Lebensplan durchkreuzten. Schreien, Strampeln, ein Gesichtsausdruck schierer Verzweiflung. – Wir haben uns dann bemüht, ruhig Blut zu bewahren. Haben ihn abgeschirmt, um ihm die Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen. Doch es gab Situationen, da hat er sich erst nach einer Stunde wieder gefangen, vorher gab es keine Möglichkeit, zu ihm durchzudringen. –

Doch nun hat er den Schritt selbst gemacht, und dieser Wandel hat sich still in den letzten Wochen vollzogen. Eric hat eine Toleranz Situationen gegenüber aufgebaut, in denen es mal nicht nach seiner Nase geht. Und das ist gut so, es ist der Einstieg in das Leben. Zwar kenne ich die Gründe nicht, die ihm zu diesem Schritt verholfen haben, doch es macht mich froh. Vielleicht sind wir klarer geworden in unseren Anweisungen, in der Vermittlung der (wenigen) Regeln, die wir den Kindern vorgeben und die für den Erhalt einer Gemeinschaft (wie die Familie eine ist) wichtig sind. Vielleicht hat er gelernt, sich selbst mehr zu vertrauen, sich und seinen Fähigkeiten. Vielleicht haben aber auch viele kleine Erfolgserlebnisse geholfen, beim Turnen, dem Fußball oder der Ergotherapie. Wie auch immer – es erfüllt mich mit Freude und mit Stolz. Es ist etwas, was man wahrscheinlich nur als Eltern spüren kann. Denn ich sehe sein Potenzial, und bin mir sicher, dass etwas Gutes aus ihm wird.

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Angekommen

Heute bin ich endlich im Informationszeitalter angekommen. Ich habe meine aktuellen Telefonbücher in den Altpapiercontainer entsorgt.

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Buchrücken-Titel-Ausrichtung

Ja - manche Fragen eröffnen sich erst, nachdem das Gehirn die Antwort bereits gefunden hat. Als ich gestern - wie immer mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und leicht aufflammendem Unmut - die Ansammlung links- und rechtsdrehender Buchtitel in meinem Bücherregal betrachtete, da kam mir auch bereits spontan die Erleuchtung: Linksdrehender Buchtitel = deutscher Herkunft - rechtsdrehender Buchtitel = englischspachiger Herkunft. Ich hätte spontan 'Heureka' rufen können.

Angesichts dieser Erkenntnis wieder munter geworden, habe ich das Internet befragt und diesen Artikel aus der UNIZEIT 2/97 gefunden. Und im Gegensatz zum Autofahren erscheinen die Angelsachsen beim Buchtitel-Lesen moralischer Sieger zu sein. Aber lest selbst:

"Stellt man ein Buch in ein Regal, so dass dessen Vorderseite vom Betrachter aus gesehen nach rechts zeigt und die Beschriftung aufrecht ist, ist keineswegs vorherzusehen, wie sich die Schrift am Buchdeckel dem Betrachter präsentiert.

Linksdrehend erscheint sie in meiner Terminologie dann, wenn man den Kopf links neigen muss, um sie zu lesen. Rechtsdrehend dann, wenn man ihn rechts kippen muss.

Zu meiner Verzweiflung gibt es nun so gut wie kein Regal - weder in der Bibliothek noch in der Buchhandlung -, das ausschließlich links- oder rechtsdrehende Bücher fasst. Im Gegenteil: Man kann fast wetten (gibt es hier einen Zusammenhang mit "Buchmachern"?), dass diese beiden Sorten bunt gemischt sind.

Warum diese Inkonsequenz, diese Regellosigkeit im Regal? 400 Jahre Buchdruckkunst, tausend Jahre Bücher - und keine Norm? "Nein, es gibt keine Norm.", heißt es aus Buchhandlungen und Bibliotheken leicht gequält. Nur ein Beamter in der Nationalbibliothek will vage von einer Art Vorschrift wissen.

Tatsache aber nach intensiven Recherchen: Bei uns werden im allgemeinen Bücher linksdrehend gedruckt. Im angelsächsischen Bereich ist es genau umgekehrt - hier herrscht traditionell die Rechtsdrehung vor. Ungeachtet der Tatsache, dass dort im allgemeinen willkürliche - ja oft groteske Ordnungsprinzipien hochgehalten werden (siehe Inch, Fuß, Geldsystem etc.) zeigt sich dort mehr Logik, wenn man etwas tiefer in die Wissenschaft der Buchdrehproblematik einsteigt:

Legt man nämlich ein rechtsdrehendes Buch flach auf den Tisch, so dass seine Vorderseite nach oben zeigt, ist der Buchrücken lesbar. Bei linksdrehenden Büchern ist das schlicht unmöglich: Entweder ist der Buchrücken verkehrt oder die Rückseite des Buches liegt nach oben gerichtet.

Die Thesen der Buchweisen sind geteilt: Die meisten vermuten - nach dem Motto "Das hamma immer schon so gemacht" -, dass es sich schlicht um eine Tradition handelt. Nachdenklichere Kollegen bemühen die These einer Art reflexartigen Verhaltens des Kopfes, der sich lieber nach links neige - deshalb die Linksbevorzugung bei den Verlagen. Einzelne vertreten die Ansicht, dass die Bucheinband-Grafiker nach Lust und Laune ("oder weil er beschwipst ist", so ein Statement), den Drehsinn festlegen.

Empirische Studien zeigen jedenfalls, dass es vor einer beliebigen Regalwand zwei verschiedene Typen von Betrachtern gibt; dies führt in den hochinteressanten soziokulturellen Bereich der Drehsinntypologie, der praktisch unerforscht ist. Der Großteil der Regalbetrachter dreht permanent den Kopf hin und her und betreibt dabei eine Gymnastik, die vielleicht für die Halswirbel gut sein mag.

Seltener ist die Spezies, die einmal linksgeneigt nach rechts, und dann rechtsgeneigt nach links rückwärts die Regale abschreitet; sie lesen die Buchrücken abwärtslesend (bitte selbst ausprobieren!). Extrem selten sind Lesehungrige, die erst linksgeneigt nach links, dann rechtsgeneigt nach rechts und somit aufwärtslesend die Regale durchmustern.

Eines ist jedenfalls klar: Ohne hochdotierte umfangreiche Studie wird sich das Rätsel um die Buchrückenbeschriftungsorientierung nicht lösen lassen. Im Gegenzug noch zwei Tipps. Erstens: Die Chinesen kennen diese Probleme nicht. Zweitens: Auch bei CDs ist dieses Problem längst relevant."

(gelesen und zitiert von KFUG: UNIZEIT 2/97)

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Hüllwort

Gestern hatte mich nach dem Sat1-"FilmFilm" die anschließende Doku über Deutschlands frechsten Arbeitslosen (nein, nicht der einst weder gewaschene noch rasierte Henrico Frank) noch ein wenig an den Fernseher gebannt. Ein sehr schönes Beispiel für eine Formulierung mit geradezu verbrämendem Charakter brachte der Leiter der ARGE Hamburg: "Langzeitarbeitslose, die nicht im Aktivcenter erscheinen, werden von Sozialarbeitern zu Hause aufgebracht. Darin besteht der integrative Ansatz dieser Maßnahme."

5.2.10 09:25, kommentieren

Inventur zum Jahresende

Jahreswechselstimmung. Stimmt ja. Das Jahr verneigt sich nicht, jedenfalls nicht vor mir. Es duckt sich weg, macht sich vom Feld, schüttelt alles Alte ab und kleidet sich neu ein. Ich möchte mich schnell nochmal von ihm auf die Schultern heben lassen und ein wenig ins Voraus sondieren, bevor dieses Jahr sich selbst nicht mehr schultern kann und klanglos vergeht. Was mir verbleibt, ist ein Gefühl des Zeitraffers, vielleicht auch des Dahingerafften. Ich habe es abgeschritten, das Jahr, habe es durchmessen und irgendwie auch abgeleistet - und doch nichts bewegt. Habe gearbeitet, ja doch, und nicht wenig, nein wirklich nicht, und habe trotz allem nur wenig Wind gemacht, dort in meiner Ecke, in meinem toten Winkel, in den keiner so recht schauen mag. Ich würde gerne mal das Fenster aufmachen, meine Seele stoßlüften, und Bürostandardarbeitsluft gegen einen lustvollen Atemzug Lebensluft eintauschen. Auch wenn sie in der Lunge schneidet. Oder es einen aus den Strümpfen weht, oder wie einen Gänsekiel rupft, oder gegen den Strich scheitelt mit trotziger energetischer Kraft.

Wo will ich hin – was will ich sein? Die bekannten Dämonen meiner Selbstbeschäftigungsphasen. Da flattern und schwirren sie wieder umher. Sie vergehen nicht, sie hingen da nur herum, am Bewusstseinsoberdeck, wie Fledermäuse im Zeitenwind. Verspüren jetzt Gewitterluft, und jagen wieder Gespinste wie in alten Tagen. Aber die Frage lässt sich konkreter fassen: Was will ich beruflich leisten? Um mich herum verändern sich die Themenbiotope, durch wiederholte Reoganisation bis zur Unkenntlichkeit ausgefranst. Die Lebewesen, die sie einst bevölkerten, ziehen fort, zu Orten, in denen sie bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. So schwappen die Gezeiten des Marktwandels bis an den eigenen Schreibtisch heran. Und führen als gedankliche Flaschenpost einen stillen Gruß aus Übersee mit sich, einen Bilderbogen der Alternativen, einen Kaleidoskop von Varianten. Sich verändern – ja, daran halte ich fest, denn verändern heißt auch leben. Seine eigenen Potenziale ausschöpfen. Die eigenen Fixpunkte verschieben. Sich nicht mehr eingeengt fühlen durch die einmal erreichte Sicherheitszone. Nicht mehr nur Schachfigur sein im eigenen Betrieb, die durch andere gezogen wird, die wesentlich grüner um die Ohren sind als man selbst. Die ihr eigenes Machtgefüge über die Gewissenhaftigkeit stellen.

Doch genug gejammert. Das Jahr hatte auch Gutes in seinem Säcklein. Trotz unsteter beruflicher Gedanken hat mir meine Familie großen Halt und Rückenstärkung gegeben. Seine eigene Kinder aufwachsen, sie mit Neugier, Fröhlichkeit und Unerschrockenheit die Welt umfassen zu sehen, ist ein großartiges Erlebnis. Und ich hatte sicherlich ein wenig mehr Zeit dafür als möglicherweise andere Väter, die voll berufstätig sind. Dies stellt für mich ein Luxus dar, der weit außerhalb des materiellen Erlebens steht - und der mich – jupphei! - auch nächstes Jahr noch ein gutes Stück mit begleitet.

3 Kommentare 20.12.07 23:05, kommentieren